Fünf Lehren über Feinstaub in Heilbronn

Wir haben von Herbst 2017 bis Frühjahr 2018 Feinstaub in Heilbronn gemessen. Das sind unsere Erkenntnisse.

Von David Hilzendegen und Lisa Reiff

Eines steht fest: Unser Feinstaub-Projekt hat polarisiert. Von üblen Beleidigungen bis zu bunten Blumensträußen voller Lob kam in der Redaktion alles an.

Wir haben im September 2017 damit begonnen, selbstgebaute Feinstaubmessgeräte in der Stadt Heilbronn zu verteilen. Viele der Sensoren haben wir an Verlagsgebäuden der Heilbronner Stimme angebracht, aber auch einige Leser haben uns geholfen und ihre Fassaden und Balkone zur Verfügung gestellt.

Es handelte sich dabei um günstige, selbstgebaute Geräte, die natürlich nicht so verlässlich sind wie die offiziellen Messstationen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Deren Geräte sind nicht nur bedeutend größer, sondern mit mehreren tausend Euro auch wesentlich teurer als unsere kleinen Feinstaubsensoren. In Heilbronn misst die LUBW an zwei Standorten: in der Weinsberger Straße und in der Hans-Rießer-Straße im Norden.

Tests haben ergeben, dass die Messqualität unserer selbstgebauten Geräte nicht ausreicht, um Grenzwerte verlässlich zu überwachen. Sehr wohl können die Geräte aber Informationen zu zeitlich und örtlich auftretenden Feinstaubquellen liefern. Mit anderen Worten: Wir können Tendenzen beobachten und interpretieren, aber nicht mit absoluten Zahlen arbeiten.

Unsere Messungen liefen bis Ende Mai, abgedeckt war vor allem die innere Kernstadt. Aber auch in äußeren Bezirken wie Sontheim, Frankenbach oder Böckingen hingen unsere Geräte. Insgesamt haben wir nahezu eine Million Datensätze erhoben. Dies sind unsere fünf Lehren aus dem Projekt.

1. In der Silvesternacht besser nicht einatmen

Die wahren Dreckschleudern schwimmen auf den Weltmeeren, das Auto des kleinen Mannes mache da höchstens einen winzigen Bruchteil aus, sagen viele derjenigen, die sich vehement gegen Verkehrsmaßnahmen zur Luftreinhaltung wehren. Das ist richtig, lässt sich aufgrund der weltweiten Vernetzung aber nicht so einfach ändern wie das Verhalten der Bürger. Dabei muss es noch nicht einmal um die Autofahrt zur Arbeit gehen.

In der Silvesternacht werden laut Umweltbundesamt rund 5.000 Tonnen Feinstaub (PM10) in die Luft geschossen. Diese Menge entspräche in etwa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge, haben Mitarbeiter der Behörde errechnet.

Tatsächlich schossen auch die Werte unserer Messgeräte gegen Mitternacht nach oben. Auf der folgenden Karte ist die Entwicklung der Werte visualisiert. Größere und dunklere Kreise symbolisieren höhere Werte. Scrollen Sie einfach weiter, um sich durch die Nacht zu bewegen.

So sahen die Werte um 22 Uhr aus

So um 23 Uhr

Und so um 24 Uhr

In der Nacht gegen 1 Uhr beruhigt sich die Lage dann wieder.

 

1. In der Silvesternacht besser nicht einatmen

Die wahren Dreckschleudern schwimmen auf den Weltmeeren, das Auto des kleinen Mannes mache da höchstens einen winzigen Bruchteil aus, sagen viele derjenigen, die sich vehement gegen Verkehrsmaßnahmen zur Luftreinhaltung stemmen. Das ist richtig, lässt sich aufgrund der weltweiten Vernetzung aber nicht so einfach ändern, wie das Verhalten der Bürger. Dabei muss es noch nicht einmal um die Autofahrt zur Arbeit gehen.

In der Silvesternacht werden laut Umweltbundesamt rund 5.000 Tonnen Feinstaub (PM10) in die Luft geschossen. Diese Menge entspräche in etwa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge, haben Mitarbeiter der Behörde errechnet.

Tatsächlich schossen auch die Werte unserer Messgeräte gegen Mitternacht nach oben. Auf der folgenden Karte ist die Entwicklung der Werte visualisiert. Größere und dunklere Kreise symbolisieren höhere Werte.

2. Am Wochenende ist die Luft gut – meistens

Am Anfang einer Arbeitswoche steigen in der Regel die Werte. Nicht nur bei den offiziellen Messstationen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) ist diese Entwicklung zu beobachten, auch unsere Messgeräte spucken in der Regel montags und dienstags die höchsten Durchschnittswerte aus.

Schuld daran sei vor allem der Berufsverkehr, sagt ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes – neben der Industrie, die nach dem Wochenende wieder alle Maschinen hochfährt und dadurch ebenfalls zu schlechteren Werten beiträgt.

Folgende Grafik zeigt den Verlauf einer üblichen Woche. Abgebildet sind die Tagesmittelwerte an PM10 pro Stunde in der Woche vom 5. bis 11. März 2018. PM10 sind Feinstaubpartikel (englisch "Particulate Matter"), die bis zu zehn Mikrometer groß sind. Das entspricht etwa einem Zehntel des Durchmessers eines Haares. Es gibt auch noch feinere Partikel, die bis 2,5 Mikrometer (PM2,5) oder nur bis 0,1 Mikrometer (PM0,1) groß sind. Wir beschränken uns in der Auswertung auf PM10, die häufiger in der Luft vorkommen.

PM10-Durchschnittswerte in ausgewählten Kalenderwochen

Wir sehen einen deutlichen Peak zum Wochenanfang, der dann abflacht. Insgesamt ist das eine eher ruhige Woche, in anderen haben wir immer wieder Ausschläge an den anderen Werktagen gemessen.

Wir haben aber auch ganz andere Wochen erlebt. Diese Kurve zeigt die Tagesmittelwerte der KW 50/2017, also vom 11. bis 17. Dezember 2017.

 

2. Am Wochenende ist die Luft gut – meistens

Am Anfang einer Arbeitswoche steigen in der Regel die Werte. Nicht nur bei den offiziellen Messstationen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) ist diese Entwicklung zu beobachten, auch unsere Messgeräte spucken in der Regel montags und dienstags die höchsten Durchschnittswerte aus.

Schuld daran sei vor allem der Berufsverkehr, sagt ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes – neben der Industrie, die nach dem Wochenende wieder alle Maschinen hochfährt und dadurch ebenfalls zu schlechteren Werten beiträgt.

Folgende Grafik zeigt den Verlauf einer üblichen Woche. Abgebildet sind die Tagesmittelwerte an PM10 pro Stunde in der Woche vom 5. bis 11. März 2018. PM10 sind Feinstaubpartikel (englisch "Particulate Matter"), die bis zu zehn Mikrometer groß sind. Das entspricht etwa einem Zehntel des Durchmessers eines Haares. Es gibt auch noch feinere Partikel, die bis 2,5 Mikrometer (PM2,5) oder nur bis 0,1 Mikrometer (PM0,1) groß sind. Wir beschränken uns in der Auswertung auf PM10, die häufiger in der Luft vorkommen.

PM10-Durchschnittswerte KW 10/2018

Tagesmittelwerte KW 10/2018

Wir sehen einen deutlichen Peak zum Wochenanfang, der dann abflacht. Insgesamt ist das eine eher ruhige Woche, in anderen haben wir immer wieder Ausschläge an den anderen Werktagen gemessen.

PM10-Durchschnittswerte KW 50/2017

Tagesmittelwerte KW50/2017

Wir haben aber auch ganz andere Wochen erlebt. Diese Kurve zeigt die Tagesmittelwerte der KW 50/2017, also vom 11. bis 17. Dezember 2017.

Der unterschiedliche Verlauf ist zum einen wetterbedingt, zum anderen aber auch mit äußeren Einflüssen erklärbar. Am dritten Adventwochenende war die Heilbronner Innenstadt voll, sechs Tage vor Weihnachten wurde die Zeit für diejenigen knapp, die noch keine Geschenke besorgt hatten.

Einen ganz ähnlichen Verlauf haben wir zum Beispiel auch am ersten Dezember-Wochenende festgestellt, als das Nightshopping viele Besucher aus dem Umland nach Heilbronn gelockt hat. Viele davon kamen mit dem Auto. Auch da waren Stadt und Weihnachtsmarkt voll – und die Feinstaubwerte hoch.

3. Wo viel Verkehr herrscht, ist die Luft schlecht

Zugegeben: Sonderlich originell ist diese Erkenntnis nicht. Schließlich steht der Verkehr im Mittelpunkt der gesamten Feinstaub-Diskussion. Vor diesem Hintergrund hat vor allem das vielbefahrene Neckartor in der Landeshaupstadt Stuttgart traurige Berühmtheit erlangt.

Auch in Heilbronn haben wir zwei Stellen ausfindig gemacht, die bei unseren Messungen besonders hervorstechen. Die Sensoren am Rathenauplatz und an der Oststraße in Höhe Friedensplatz schlugen immer wieder am heftigsten aus. Beide Standorte zeichnen sich durch eine hohe Verkehrsdichte aus – und zumindest beim Rathenauplatz auch durch unmittelbar ansässige Industrie.

Die folgende Grafik zeigt die Tagesmittelwerte aller Sensoren. Blau eingefärbt sind die beiden genannten Messstationen an der Oststraße und am Rathenauplatz. Diese Stationen direkt an den vielbefahrenen Straßen sind bei den Ausschlägen fast immer vorne dabei.

PM10-Tagesmittelwerte aller Sensoren

Auch im Tagesverlauf lässt sich bei den beiden Sensoren ein Muster erkennen: Morgens ab etwa 6 Uhr steigen die Werte an, bevor sie gegen 9 Uhr plötzlich abfallen. Gegen Nachmittag steigen sie erneut an. Beides hängt wahrscheinlich unmittelbar mit dem Berufsverkehr zusammen. Diese Vermutung bestätigten uns auch die Leser, die mit eigenen Sensoren gemessen haben. Pünktlich zur Rush Hour konnten sie an verschiedenen Standorten mitlesen, wie der Berufsverkehr die Werte in die Höhe trieb.

4. Holzofen an, Feinstaubwerte hoch

Besonders hoch sei die Feinstaubbelastung "in den vornehmen Vorstädten, wo die Großkopferten wohnen und mit offenen Holzkaminen heizen ", hat uns Wetterexperte Jörg Kachelmann im Dezember erzählt. Wir haben das überprüft, zwar nicht im schicken Heilbronner Osten, aber in einem Wohngebiet in Frankenbach, in dem ebenfalls viel mit Holzöfen geheizt wird.

Und tatsächlich: Wir haben Ausschläge gemessen, die wir nicht mit dem Verkehrsaufkommen erklären können. Die Werte schlagen vor allem am Vormittag und am Abend aus. Es ist aus unserer Sicht wahrscheinlich, dass dafür der Feinstaub aus den umliegenden Kaminen verantwortlich ist – und zwar dann, wenn der Nachbar den Holzofen schürt und es in den Heilbronner Wohngebieten nach Holzfeuer riecht. An den Messwerten erkannten unsere Leser, was die gemütliche Wärme im Wohnzimmer für die Luftqualität bedeutet.

PM10-Stundenmittelwerte in einem Frankenbacher Wohngebiet am 14. Februar 2018

5. Das Wetter ist (mit-)schuld

Es gibt allerdings noch andere Tage mit hohen Werten, für die wir keine äußeren Einwirkungen ausfindig machen konnten. Der 3. März 2018 ist zum Beispiel so ein Tag, an dem nicht nur fast alle unserer Geräte nach oben ausgeschlagen haben. Auch die offizielle Messstation in der Weinsberger Straße hat an diesem Tag eine Überschreitung der Grenzwerte gemessen.

Woher dieser Ausreißer kam, können auch die Experten vom Deutschen Wetterdienst nicht abschließend einordnen. Sie haben aber eine Erklärung, die allgemein gilt: Das Wetter ist schuld. Genauer gesagt: Die Feinstaubkonzentration steigt nicht nur, wenn mehr Partikel in die Luft geblasen werden, sie steigt auch wenn die vorhandenen Partikel sich nicht über einen größeren Bereich verbreiten können, was stark mit den Wetterbedingungen zusammenhängt. Es gibt Wetterphänomene, die eine hohe Konzentration begünstigen.

Vereinfacht ausgedrückt hat die Atmosphäre Selbstreinigungskräfte, die vor allem mit dem Austausch zwischen den einzelnen Luftschichten zusammenhängen. Im Sommer wirbelt die Luft weiter nach oben durch, im Winter ist dieser Austausch gehemmt, die Luft steigt nicht so weit nach oben, wird weniger durchmischt. Dieser Effekt ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei sogenannten Inversionswetterlagen macht er sich besonders bemerkbar, wenn die oberen Luftschichten wärmer sind als die unteren. Dadurch bleiben Partikel wie Feinstaub länger in der Luft, die Belastung steigt.

Das gegenteilige Phänomen stellen wir bei Regen fest. Die Tropfen waschen die Luft sauber, die Feinstaubkonzentration sinkt.

Unser Fazit

Wir können nicht verlässlich sagen, ob Heilbronn ein Feinstaub-Problem hat oder nicht. Allerdings haben unsere Messungen ergeben, dass das Problem oft zeitlich und örtlich begrenzt auftaucht. Allein schon die Windrichtung kann die Messwerte empfindlich beeinflussen, das ist eine weitere Erfahrung unserer Leser.

Die offiziellen Stationen stellen Heilbronn zumindest in Sachen Feinstaub ein gutes Zeugnis aus. Die LUBW misst jedoch nur an einer Stelle in der Kernstadt. Die hohen Werte am Rathenauplatz oder an der Oststraße werden von dieser Station gar nicht erfasst.

Einige unserer Vermutungen haben sich nicht bestätigt. So haben wir zum Beispiel an der Baustelle am Südbahnhof keine auffällige Belastung gemessen. Auch die geänderte Verkehrsführung am Sonnenbrunnen in Böckingen hat sich nicht übermäßig auf die Werte ausgewirkt. Dort wird der Verkehr gerade durch die enge Grünewaldstraße geleitet, weil die Großgartacher Straße umgebaut wird.

Dennoch sollte die Stadtverwaltung das Problem im Auge behalten, nicht nur wegen der hohen Stickoxidwerte, die wir mit unseren Geräten allerdings nicht messen konnten: Heilbronn ist ein Pendlerzentrum und zieht auch am Wochenende viele Menschen aus dem Umland an. Diese reisen zu großen Teilen mit dem Auto an, unter anderem auch, weil der ÖPNV zu unflexibel und nicht attraktiv genug ist. In einer modernen Großstadt, die Heilbronn gerne sein möchte, sollte es aber möglich sein, sich weitgehend problemlos ohne Auto fortzubewegen – und damit auch Feinstaub- und Stickoxidquellen zu reduzieren.

Dazu braucht es aber einen Kulturwandel, nicht nur in der Verwaltung, auch bei den Bürgern. Die stellenweise hochemotionalen, manchmal irrationalen Diskussionen um das Projekt haben gezeigt, wie wichtig das eigene Gefährt für viele Menschen in der Stadt und der Region ist. Viele fühlen sich angegriffen und gegängelt, haben Angst, man wolle Ihnen die Mobilität nehmen. Es braucht Verkehrskonzepte, die das verhindern – und gleichzeitig die Menschen in den ländlichen Regionen mitnehmen.